Kultur ohne Freiheit – Eine Realität in der VR China Infolge des Primats der Politik
Ein Kommentar zum Chinesischen Kulturjahr 2012 in Deutschland von Tsewang Norbu*
Mit einem gemischten Konzert der Chinesischen Philharmoniker am 30. Januar im Konzerthaus in Berlin ist das Chinesische Kulturjahr 2012 in Deutschland feierlich eröffnet worden und der Veranstaltungsreigen geht erst im Dezember zu Ende. Damit will die VR China den 40. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und China in verschiedenen Teilen Deutschlands spektakulär begehen. Die Bundesregierung begrüßt "die Durchführung des chinesischen Kulturjahres als positive Antwort" auf eine ähnliche Veranstaltungsreihe „Deutschland und China“, die die Bundesregierung vom 2007 bis 2010 in China mit großem Erfolg durchgeführt hat. Allerdings ist die Bundesregierung nach Aussage des Auswärtigen Amtes an der Durchführung des Chinesischen Kulturjahres 2012 „weder organisatorisch noch finanziell beteiligt".
Die bisher erhältlichen Programmpunkte und -entwürfe lassen befürchten, dass die VR China dieses Großereignis zu reinen Propagandazwecken missbrauchen wird, so wie es in der Vergangenheit häufig geschehen ist. Offiziell ist die VR China ein multi-ethnischer Staat mit 55 sog. nationalen Minderheiten, wovon die Uiguren, Mongolen und Tibeter ethnisch, kulturell und geschichtlich hervorstechen. Aber die Kultur dieser drei besetzten Völker kommt zum Glück in dem Programm gar nicht vor, denn die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass Vertreter dieser Völker ihre authentische Kultur ohne Bevormundung durch die Kommunistische Partei hätte nicht frei präsentieren können. Dennoch ist es interessant festzuhalten, dass die VR China trotz ihres Souveränitätsanspruches auf Ost-Turkestan, die Mongolei und Tibet, diese drei Staaten stets wie fremdes Land behandelt. Beispielsweise müssen Touristen neben Visum für China auch eine Sondergenehmigung für Ost-Turkestan oder Tibet haben, wenn sie diese besetzten Länder bereisen wollen. Es ist höchste Zeit, dass die Staatengemeinschaft und Völkerrechtler solche Fakten auch zur Kenntnis nehmen.
Auch oppositionelle Kulturschaffende inner- und außerhalb Chinas bleiben bei diesem Großereignis des angeblichen „Dialogs und Austausches“ außen vor. Ein Kulturjahr, das alle Formen der nicht-offiziellen Kultur ausgrenzt, zeigt deutlich den totalitären Charakter der Initiatoren dieses Großereignisses und widerspricht eklatant der Freiheit der Kultur.
Ausgerechnet mit Helmut Schmidt ist am 31. Januar der Auftakt des gemeinsamen Kulturdialogprogramms der Bertelsmann, Bosch und Körber Stiftung in Berliner Kommandantenhaus eröffnet worden. Der Altbundeskanzler gehört zu jenen gewichtigen Bewunderern des chinesischen Wirtschaftswunders der letzten drei Jahrzehnte und ist unglücklicherweise auch der prominenteste Vertreter des kulturellen Relativismus, wenn es um Kritik an China geht. Schmidt agiert deshalb als Apologet der totalitären Herrschaft des chinesischen kommunistischen Regimes und nicht als Anwalt verbotener Künstler oder unterdrückter Völker. Gerade in Zeiten des Wirtschaftswunders nimmt die Unterdrückung eher zu als ab, wie chinesische Künstler, Uiguren, Mongolen und Tibeter seit Jahren zunehmend zu spüren bekommen. Ihm zum Auftakt des Kulturdialogprogramms eine Plattform anzubieten, führt deshalb von vornerein ad absurdum.
Der Programmentwurf ist mit hohlen Worten wie "Dialog" oder "Austausch" vollgestopft, ohne dabei einen wirklichen Raum für Dialog oder Austausch erkennen zu lassen. Ein Kulturjahr, das Andersdenkenden keinen Raum lässt, entbehrt jedwedem Anspruch auf das hehre Wort „Kultur“. In den Ohren der Verfechter der jahrtausendalten authentischen chinesischen Kultur klingt das wie Hohn.
"In keinem anderen europäischen Land sehen die Menschen China so negativ wie in Deutschland" so wird das Ergebnis einer Umfrage eines amerikanischen Forschungsinstitutes vom Juli 2011 im Programmentwurf zitiert. Das Kulturjahr soll dies korrigieren, aber mit dem geplanten Programm dürfte es wahrlich nicht gelingen. Es ist illusorisch alledrings zu hoffen, dass bei den chinesischen Verantwortlichen späte Einsicht einkehrt und im Programm Raum für kritische Ansätze gewährt werden wird. Daher kommt es auf die Bundesländer, die Kommunen, die Festivals und die anderen Institutionen an, die beim Chinesischen Kulturjahr entweder als Partner mitwirken oder gar ihre eigenen Programme durchführen, ob es Beijing am Ende des Kulturjahres gelingt, sein Ansehen in Deutschland zu verbessern. Bei der Auftaktveranstaltung am 31. Januar mit Helmut Schmidt wurde die Chance leider klar vertan.
Den Uiguren, Mongolen und Tibetern geht das Ansehen Chinas eigentlich gar nichts an. Dennoch es ist zu hoffen, dass es in diesem Kulturjahr nicht zum China-Bashing kommt, nicht aus Liebe zu diesem menschenverachtenden Regime, sondern aus Sorge über die Demokratisierung Chinas. Wenn es zum erneuten China-Bashing kommt, wird das Regime wie gewohnt die unmündig gehaltene Bevölkerungsmehrheit in Kampagnen gegen den Westen, gegen die freie Presse und vor allem gegen die „undankbaren Minderheiten“ wie Uiguren, Mongolen und Tibeter hetzen. Dabei werden die Demokratiebestrebungen in China erneut um Jahre zurückgeworfen. Daher stehen die Bundesländer, Kommunen, Stiftungen und Festivals in der Pflicht, die das Thema "Dialog“ und „Austausch" bei ihrer Mitwirkung am Chinesischen Kulturjahr vollmundig auf ihre Fahne geschrieben haben, über reine Lippenbekenntnisse hinaus, substanzielle kritische Ansätze in ihre Programme aufzunehmen. Zu einer zweiten "Frankfurt Buchmesse“ als das Gastland China 2009 versuchte, jede Kritik mundtot zu machen oder als China versuchte durch Verweigerung vom Visum die Teilnahme bestimmter Person an der deutschen Ausstellung "Aufklärung“ 2011 in China zu verhindern, darf es nicht kommen, sonst hätte die deutsche Seite dem Regime in Beijing erneut einen Bärendienst erwiesen und den zarten Pflänzchen der Zivilgesellschaft in China großen Schaden zugefügt.
Tibeter und ihre Unterstützer wie die Tibet Initiative Deutschland und International Campaign for Tibet oder Welt Uighur Kongress sowie Menschenrechtsorganisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker und amnesty international werden jedenfalls dieses Großereignis zum Anlass nehmen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, auf die sich weiter verschlechternde Lage in chinesischem Machtbereich auf dem Gebiet des Menschen- und Zivilrechts sowie der Meinungs- und Religionsfreiheit aufmerksam zu machen, wie die Eröffnung einer vierwöchigen Ausstellung durch die Regionalgruppe des Verein der Tibeter in Deutschland und der Tibet Initiative Deutschland am 29. Januar in Hamburg oder die gemeinsame Mahnwache der fünf Vereine am 30. Januar in Berlin belegen.
Die chinesische Opposition im westlichen Ausland will mit spektakulären Auftritten in Berlin und Frankfurt durch Shen Yun Performing Arts, die 2006 in New York gegründet wurde, authentische chinesische Kultur zeigen und damit dem kommunistischen Regime die Deutungshoheit chinesischer Kultur streitig machen.
Tsewang Norbu (Norbu.Tibet@gmail.com),
Mitgründer des Vereins der Tibeter in Deutschland e.V. und Vorstandsmitglied der Tibet Initiative Deutschland e.V.
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